Unser Alltag

Hola amigos,

im letzten Eintrag ging es darum, wo wir in diesem Jahr eigentlich gelebt haben.
Heute erzählen wir euch, wie ein ganz normaler Tag bei uns abläuft.
Viele denken ja, ein FSJ ist die Ausrede dafür, kostenlos ein Jahr am anderen Ende der Welt zu entspannen- aber seht selbst.
Luisa und Lucie werden euch heute nämlich einen Schultag lang mitnehmen.

Lucie:

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Gibt es irgendwas, was mehr motiviert als dieser Blick? – Ich glaube nicht.
Schade, dass der Anblick auf die drei mittlerweile von Schnee bedeckten Vulkane nur für mich ein Ansporn war, in die Schule zu gehen- im Gegensatz zu mir haben sich meine Schüler daran wohl schon satt gesehen und zeigten nicht besonders viel Interesse am Erlernen einer neuen Sprache, die ihnen die Türen zur Welt öffnen könnte… Trotzdem, die Freude war immer groß, wenn ich, die „professora de inglés“ im Türrahmen stand und zur Begrüßung ansetzte. Dass die Begrüßung dann erstmal flachfiel, weil schon darüber getuschelt wurde, wie gut man heute aussieht (oder wie schlecht, soll es schließlich auch gegeben haben) oder zum hundertsten Mal über Haut/Haar/Augenfarbe diskutiert wurde, war Gang und Gebe- und wenn ein Schultag in anderen Schulen anders anfing, war ich immer verwirrt. Aber von vorne.

Immer donnerstags ging es für mich in die Schule „Milagro de Fátima“. Anfangs war die Anreise etwas problematisch- und das, obwohl man während der einstündigen Fahrt nicht einmal umsteigen muss. Trotzdem, bis ich wusste, in welchen der zehn Busse ich jetzt auch wirklich zusteigen kann, ohne dann mitten in der Pampa ein Taxi nehmen oder 20 Minuten laufen zu müssen, hat es schon seine Zeit gedauert.
Das ist auch der Grund, weswegen ich am Anfang nicht die pünktlichste aller Lehrerinnen war, aber das konnte ich immer gut auf Stau oder die generelle peruanische Unpünktlichkeit schieben, an die ich mich ja schon soooo gewöhnt habe. (Kleine Lüge)

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Nachdem sich die Kinder bei der morgendlichen „formación“ mental auf den Schultag vorbereitet, gebetet und Disziplin geübt haben, ging es dann für mich ans Unterrichten in der vierten Klasse. Wobei, halt. Davor musste immer erst noch gefrühstückt werden, dass die Kinder auch wirklich was im Magen haben und besser lernen können. Guter Ansatz, denn viele Eltern haben nicht die finanzielle Möglichkeit und/oder die Zeit, ihren Kindern ein nahrhaftes Frühstück zu ermöglichen; für das Erlernen von Englisch half das Frühstück leider nicht immer.

Vor allem in der Anfangszeit konnte ich mit meiner Vierten gut umgehen, aber im zweiten Halbjahr waren sie dann nicht mehr jede Stunde für Englisch zu begeistern und ich habe es nur mit Mühe und vielen englischen Liedern als Einstieg geschafft, sie zu motivieren. Jetzt kann ich aber mit Stolz behaupten, dass diese Klasse wohl am meisten von allen meinen Schülern gelernt hat, und das, obwohl sie aufstanden, von Platz zu Platz liefen oder sich einfach auf den Boden vor der Tafel setzten, anstatt am Tisch zu schreiben.

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Morgendliche Formación
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Meine vierte Klasse

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Ich habe wirklich sehr gerne unterrichtet, muss aber allerdings zugeben, dass sich eine Sache nie ändern wird- egal, ob Schüler oder Lehrer: Die Pausen waren, sind und bleiben das Beste am Schultag.
Gaby, eine Hilfslehrkraft (auch: die Ersatz-Mama für alle Schüler und eine Ersatz-Tante für mich), hat mir jeden Tag mein Pausenbrot gestellt. Nur, dass es viel besser war als ein gewöhnliches Pausenbrot, seht selbst.

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Hamburguesa

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Für Unterhaltung war in den Pausen vor allem in den ersten Monaten immer gesorgt. Immer wieder aufs Neue wurde ich von Mädchen und Jungs umringt und von ihren Fragen bombardiert.
„In Deutschland, was spricht man denn da für einen Sprache? Englisch?“
„Und warum unterrichtest du Englisch?“
„Sind das deine echten Wimpern oder hast du sie dir verlängern lassen?“ 


„Warum sind deine Augen so viel heller als unsere?“
„Warum hast du blonde Haare?“
„Warum bist du so groß?“

Fragen, deren Antworten auch nach einem Jahr immer noch nicht ganz klar sind, fürchte ich. An meinen Nachfolger/meine Nachfolgerin: Ich hab es probiert… Aber leider sind sie viel zu stur und glauben immer noch, dass hellere Haare gefärbt sein müssen und hellere Augen am Lichteinfall liegen.
Eine Sache, die ich gelernt habe: Alle Fragen mit Geduld beantworten, auch, wenn es immer wieder die selben sind, und wenn man keine Lust mehr hat- einfach laut „AU“ schreien und sie lassen deine Haare sofort los und finden die Jungs dann doch interessanter…

Gestärkt ging es dann in die sechste Klasse- ich weiß nicht, wie das Unterrichten dort ohne den hamburguesa davor ausgesehen hätte.
Weil ich in meiner Schulzeit immer am meisten Spaß an den Fächern fand, in denen man ein gutes und gleichzeitig angebracht lockeres Verhältnis zu seinem Lehrer hatte, habe ich versucht, eher eine Freundin als eine Lehrerin zu sein. Leider ist mir erst zu spät aufgefallen, dass das nicht immer und mit jeder Klasse klappt, aber da hatten sie sich schon alle an die „coole professora de inglés“ gewöhnt. Mist. Langweilig wurde es mit meinen „niños“ allerdings nie, jedes Mal erwarteten mich neue Scherze, Witze, Fragen oder – hat es schließlich auch gegeben- Kinder, die begeistert mitgearbeitet haben.

Dass die Klasse trotzdem eher Chaos pur war, kann man auf unserem Abschieds-Foto auch gut sehen:

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Meine fünfte Klasse hingegen war wohl der Traum eines jeden Lehrers. Ruhig, fleißig und immer (schlaue) Fragen parat. Dass es mir aber nicht zu langweilig wird, haben sie nie den Arm gehoben um zu sprechen, sondern sind mit der besten Freundin oder dem besten Freund als Unterstützung zu mir an die Tafel vorgelaufen, haben mich mit großen Augen angesehen und dann die Frage gestellt. Leider konnte ich ihnen das nicht abgewöhnen, im Gegenteil- am Schluss habe ich mich selbst viel zu sehr dran gewöhnt.

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Trotz allen Diskussionen mit Schülern, jedem Ball, der mich in der Pause beim Spielen an den verschiedensten Stellen traf, jedem Mal Hefte vergessen oder Hausaufaufgaben nicht gemacht und auch trotz all den zahlreichen unruhigen Momenten, Lehrer auf ein Jahr war nicht nur ein Tapeten-Wechsel nach 12 Jahren Schule. Zu unterrichten- das war Perspektive geben, Chancen auf eine bessere Zukunft erhöhen, Lehren und Lernen, aber vor allem war es eine „Arbeit“, die mich jeden Tag aufs Neue erfüllt und mir gezeigt hat, warum genau man an einem Freiwilligen-Dienst nichts verdient: Weil das Lächeln der Kinder Bezahlung genug ist.

Luisa:
Nach einem Jahr in Peru habe ich definitiv auf viele Dinge eine neue Sichtweise bekommen. So werde ich bei dem Namen „Berlin“ nie wieder nur an die deutsche Hauptstadt denken, sondern auch an ein Stadtviertel im äußersten Norden Arequipa, wo sich auch die Schule befindet, in der ich jeden Donnerstag unterrichtet habe.
Schon die Hinfahrt war jedes Mal ein kleines Abenteuer, denn Busse, die wirklich direkt zur Schule fuhren, waren ziemlich selten. Oft blieb mir (und auch den anderen Lehrern) nichts anderes übrig, als das letzte Stück zu Fuß zu gehen – oder wir haben uns ein Taxi geteilt, denn nicht immer waren wir motiviert, schon so früh am Morgen den anstrengenden Weg bergauf – über Stock und Stein- in Angriff zu nehmen.
Nichtsdestotrotz habe ich – sobald ich dann endlich im richtigen Bus saß- die Hinfahrt jedes Mal aufs Neue genossen, denn dadurch, dass das Colegio ziemlich weit oben liegt, hat man vom Busfenster aus immer einen Blick über komplett Arequipa genossen.

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Endlich angekommen in der Schule bin ich meist schon beim Aussteigen aus dem Bus von ein paar Schülern begrüßt worden, die vor Unterrichtsbeginn noch am Fußballplatz gespielt haben.

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Peru und Deutschland sind in vielerlei Hinsicht zwei Welten und schwer miteinander zu vergleichen, aber wie weit diese Länder tatsächlich auseinander klaffen und vor allem, wie groß die Unterschiede allein innerhalb Perus sind – das ist mir jede Woche aufs Neue hier in Berlin bewusst geworden. Während man näher am Zentrum auch in Arequipa alles findet, was das Herz begehrt -Markenkleidung, Kinos, Diskos, …-, gibt es hier oben im Endeffekt nichts. Die Schule wurde erst vor vier Jahren errichtet und befindet sich in einem Viertel, wo die meisten Häuser eher behelfsmäßig, Straßen ungeteert und Läden lediglich mit den Nötigsten ausgestattet sind. Auch das Colegio selbst ist noch mitten im Bau.
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Vielleicht hört sich das jetzt alles eher abschreckend an – aber im Gegenteil, das hier war die Schule, wo ich mit Abstand am liebsten war. Hier habe ich wie in keinem anderen Colegio erlebt, was es heißt, als Schulfamilie zusammenzuhalten. Die Lehrer waren ihren Schülern gegenüber total fürsorglich und es kam schon einmal vor, dass der Direktor am Morgen noch kurz selbst die Pflanzen gewässert hat. Auch ich bin von allen Lehrern und Schülern immer richtig nett empfangen worden und an meinem letzten Schultag hatte ich sogar die große Ehre, die Peru-Flagge hissen zu dürfen :).

Ich habe hier vierte, fünfte und sechste Klasse unterrichtet.
Die Schüler meiner Vierten waren zwar süß, aber ziemlich langsam – da kam es schon mal vor, dass mit dem Abschreiben von zehn Tiernamen auf Englisch eine ganze Schulstunde vorbeiging. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Schüler oft genug abgelenkt waren – öfter als einmal haben sie beispielsweise einen ihrer Hunde einfach mit ins Klassenzimmer genommen (in Berlin ging das, weil noch kein Zaun um die Schule ist)…

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Die Fünfte war eine meiner Lieblingsklassen, denn wie man sieht, waren es nicht einmal zehn Schüler. Zugegebenermaßen waren aber auch sie nicht die Schnellsten, aber dafür war es immer schön leise, weil so wenige auch keinen großen Lärm machen können.

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Ein bisschen turbulenter ging es da schon in meiner Sechsten zu, die zwar meistens recht motiviert auf Englisch war, aber halt auch genauso motiviert auf Fußballspielen, Ratschen oder Rumtrödeln. Fast jede Woche durfte ich erst mit ihnen diskutieren, warum genau wir jetzt nichts anderes machen werden, aber danach haben sie dafür brav mitgemacht.

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Ich glaube, man merkt, dass ich jeden Donnerstag total gerne in dieser Schule war. Oft ging es auch weniger darum, den Schülern auf Biegen und Brechen etwas beizubringen, sondern auch einfach nur für sie da zu sein, mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen und am Ende des Vormittags mit einem guten Gefühl wieder zurück nach Hause zu fahren.
Dort sind dann nach und nach auch die anderen eingetrudelt und beim Mittagessen wurde dann vom Schulalltag berichtet. „Boah, meine Sechste war heute schon wieder so schlimm“, „Heute kam schon wieder ewig kein Bus“, „Ich muss dringend Unterricht vorbereiten, mir gehen so langsam die Ideen aus“, waren Sätze, die nicht nur einmal gefallen sind. Genauso aber auch „Ach, meine Schüler waren heute wieder richtig süß“, „Heute hat’s richtig Spaß gemacht“ und „Ich werde das alles hier so vermissen“…

 

Bis nächstes Mal,

Luisa und Lucie

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