Unser letztes großes Projekt

Liebe Leser,

es tut uns leid, dass wir uns in den letzten Wochen nicht mehr gemeldet haben. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir unser letztes großes Projekt, das Stipendienprojekt, begonnen haben.

Angefangen hat dieses Programm mit den Examen, die wir für zwei aufeinanderfolgende Samstage geplant haben. Schon Wochen vorher begannen die Vorbereitungen, das heißt Absprachen mit Aufsichtspersonen treffen, Examen kopieren und Räumlichkeiten organisieren – da gehen schon mal ein paar Nachmittage drauf. Wir alle waren froh, dass im Endeffekt alles reibungslos über die Bühne ging und insgesamt 130 Schüler brav angetanzt sind. Trotzdem müssen wir gestehen, dass wir ziemlich mitgefiebert haben und fast nervöser waren als bei unserem eigenen Abitur.

DSC_0988

DSC_0991
kurz vor Beginn

DSC_0999

Anschließend ging es ans große Korrigieren, was nicht wenig Zeit in Anspruch genommen hat.

Die besten Schüler haben wir zwei Wochen später in ihrem Zuhause besucht. Begleitet wurden wir von zwei befreundeten Psychologen, die uns dabei geholfen haben, mit den Eltern der Schüler zu reden. Primär ging es darum, die wirtschaftliche Leistungskraft der Familien zu bestimmen und so festzustellen, wer unsere Unterstützung auch wirklich benötigt. Drei Tage sind wir dafür hauptsächlich in den Randbezirken der Stadt unterwegs gewesen und haben einen Einblick in diverse Familienleben bekommen, der uns bis dahin verschlossen geblieben ist. Natürlich haben wir in den zehn vorangegangenen Monaten schon einige peruanische Häuser von innen gesehen, aber es war das erste Mal, dass wir auch finanziell schwächere Wohnsituationen kennengelernt haben. Auch vorher war uns durchaus bewusst, dass wir in einem Land leben, wo die Mehrheit der Bevölkerung finanzielle Nöte hat, aber durch die Hausbesuche wurden wir uns dieser Tatsache noch einmal mehr vor Augen geführt. Insgesamt haben wir 33 Familien kennengelernt und es waren Fälle dabei, die uns noch immer beschäftigen.

Hier zwei Beispiele:

Susanna* lebt im äußersten Norden Arequipas in einem Stadtviertel, dass sich ironischerweise „Ciudad de Dios“ (=Stadt des Gottes) nennt, aber gottverlassener nicht sein könnte. Kilometerweit befinden sich hier nur noch ärmliche Häuschen, Strom- und Wasserversorgung gibt es keine, auch Teerstraßen und eine anständige Busverbindung findet man hier nicht. Auch Susannas Haus besteht lediglich aus zwei aufgemauerten Zimmerchen, in denen sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern lebt. Die Räume sind einfach, aber sehr gepflegt, zu viert teilen sie sich ein Bett. Weil der Vater so gut wie nie kommt und seine Familie auch finanziell nicht unterstützt, muss die Mutter, welche in einer nahegelegenen Fabrik arbeitet, alleine für den Unterhalt der Familie sorgen. Deswegen ist auch kein Geld da, um ihrer intelligenten Tochter (Examensbeste!) das Studium zu finanzieren. Trotz allem hat die Familie aber einen Optimismus ausgestrahlt, den wir von Europa nicht kennen. Susanna selbst hat nur einen Traum: sie will Ingeneurin werden und dann Häuser bauen, um anderen Menschen ein Dach über dem Kopf geben zu können.

Luis* wohnt zusammen mit seiner älteren Schwester und seiner Mutter in einem gemieteten Zimmer, dass neben Schlafzimmer auch Aufenthaltsraum und Esszimmer darstellt. Der Raum wird fast komplett ausgefüllt von den zwei Betten und einem Tisch. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort. Luis sieht seinen Vater nur zweimal im Jahr, denn dieser arbeitet in der Landwirtschaft außerhalb Arequipas. Finanziell unterstützt er die Familie nicht, er steuert nur gelegentlich Lebensmittel zu ihrer Versorgung bei. Die Mutter verrichtet einfache Arbeiten, sie ist zum Beispiel als Putzfrau tätig. Luis‘ Schwester hat letztes Jahr die Schule beendet und ist gerade auf einer Art Berufsfachschule. Nebenbei arbeitet sie, um sich diese finanzieren zu können. Luis erscheint uns als super engagierter, aufgeschlossener und für sein Alter schon sehr reifer junger Mann, der bereits seit Jahren den Traum hat, Medizin zu studieren und am liebsten Kinderarzt werden will. Aufgrund der finanziellen Situation ist aber absehbar, dass seine Familie ihm diesen Traum nicht erfüllen kann.

Nächste Woche steht die dritte Phase unseres Auswahlprozesses bevor: die Bewerber, die uns nach den Hausbesuchen am meisten überzeugt haben, laden wir zu einem Psychologengespräch in den Hauptsitz Circas ein. Danach müssen wir endgültig entscheiden, welchem Schüler wir die Chance auf eine bessere Zukunft ermöglichen wollen. Das wird sicherlich nicht einfach werden, denn es gibt noch viel mehr Fälle, die uns insgeheim schon jetzt überzeugt haben. Leider werden wir bisher aufgrund mangelnder Paten nicht alle Bewerber, so sehr sie sich auch eignen würden, in das Projekt aufnehmen können. In diesem Zusammenhang bitten wir Sie noch einmal herzlichst, sich mit unserem Stipendienprojekt auseinanderzusetzen.

Genauere Informationen gibt es hier. Natürlich sind wir auch per E-Mail erreichbar, falls es Fragen gibt: perucrew1617@gmail.com.

Ganz liebe Grüße,

Elke, Lena, Lucie, Luisa

*Namen geändert

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s